Wo alle wohnen wollen

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Siedlungen verdichten, Landschaften schützen und Ortsdurchfahrten aufwerten. Urs Meier teilt in einem aufschlussreichen Interview seine langjährige Erfahrung als Raumplaner und erläutert, was die Region Zürich Park Side so attraktiv macht.

Herr Meier, wie sind Sie zu Ihrem Beruf als Raumplaner gekommen und wie sieht Ihre typische Arbeitswoche aus?

Ich interessierte mich schon als Gymnasialschüler für Aushandlungsprozesse, was für die Raumplanung repräsentativ ist. So führte mich mein Weg zum Architektur Studium an der ETH Zürich und in den Beruf des Raumplaners.

Wir haben die knappe Ressource Boden auf der einen Seite und wir haben viele Nutzungsansprüche auf der anderen Seite. Als Raumplaner muss ich der Politik eine Entscheidungsgrundlage liefern, damit sie festlegen kann, wie dieses Gut genutzt werden darf. Im Schnitt habe ich drei Sitzungen pro Tag und bin im Arbeitsalltag mit einer grossen Themenvielfalt konfrontiert. In meinem Portfolio bin ich zu 50 Prozent für die Privatwirtschaft tätig. Hierzu gehören vor allem Arealentwicklungen. Die anderen 50 Prozent beinhalten die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand, also den Gemeinden, Regionen und Kantonen.

Sie tragen seit vielen Jahren aktiv zur Weiterentwicklung des linken Zürichseeufers bei. Was tut sich da aus raumplanerischer Sicht?

Das Wachstum ist eine anspruchsvolle planerische Aufgabe – auch am Zürichsee. In der Region denkt man immer 15 bis 30 Jahre voraus. Der Kernfokus meiner Generation liegt klar auf der Bewältigung der Innenverdichtung, also der Nutzung freistehender Flächen innerhalb bereits bestehender Bebauungen. Wir erhöhen die Bebauungsdichte und wirken damit der Zersiedelung entgegen.

Dabei müssen sich verschiedene Gegenpole die Waage halten. Wenn wir mehr bauliche Nutzung zulassen, soll das keinen Mehrverkehr von Autos zur Folge haben. Sie soll sich also nicht nachteilig auf Fussgänger:innen, Velofahrer:innen und ÖV-Nutzer:innen auswirken. Als Gegengewicht zur Siedlungsentwicklung ist wiederum die Landschaft sehr wichtig.

In der Region Zürich Park Side ist der Zürichseeweg von massgebender Bedeutung. Wenn wir in hundert Jahren auf heute zurückschauen, werden wir feststellen, dass alle paar Jahre Meilensteine realisiert werden konnten. So zum Beispiel ein Steg in Richterswil oder ein kleiner Wegabschnitt in Thalwil. Ich glaube daran, dass die Seeufergestaltung Stück für Stück noch schöner und zugänglicher wird.

Welche Stärken und Schwächen weist die Region auf?

Die Bevölkerung legt vor allem Wert auf die Erreichbarkeit und sekundär auf ein behagliches Wohnen in gepflegter Umgebung. Ein wesentliches Merkmal der Region ist die kompakte Siedlungsstruktur, die den Eisenbahnrouten und den Bahnhöfen folgt, ergänzt durch die Erschliessungsqualität der Autobahn. Die Landschaft ist grossflächig, attraktiv und facettenreich. Das ist ein sehr robustes Gerüst für eine hohe Lebensqualität.

Das linke Zürichseeufer ist also eine Vorzugsregion, in der alle wohnen wollen. Gleichzeitig ist klar, dass es nicht für alle Platz hat. Darum ist jedes Kind, das in einer der Zimmerberg-Sihltal-Gemeinden zur Schule gehen kann, ein privilegiertes. Die deutlichen Bodenpreissteigerungen, ausgelöst durch die tiefen Zinsen, sind für die Innenentwicklung zwar förderlich, ändern aber nichts daran, dass die neuen Bauten sehr teuer sind. Nicht alle Bevölkerungskreise können sich ein Zuhause in der Region Zimmerberg leisten.

Hat sich der Lifestyle der Bevölkerung verändert? 

Ja, der Lifestyle hat sich sehr stark verändert, und zwar im gleichen Ausmass, wie sich die Schweiz verändert hat. Die Industrie ist zurückgegangen. Wir sind eine wohlhabende Dienstleistungs-Gesellschaft, die seit vielen Jahren keine Krise mehr erlebt hat. In der Bauwirtschaft haben wir seit über 20 Jahren eine Hochkonjunktur. Das zeigt sich nicht nur an den schicken Autos, sondern auch generell im Lifestyle. Ich denke, viele von uns geniessen das, wissen aber auch, dass wir zur Umwelt Sorge tragen müssen.

«Es gibt ein Motto für die Gebiete am Zürichsee: Hohe Fenster – tiefe Steuern. Dieses Privileg wird bleiben.»

Urs Meier
Regionalplaner Zimmerberg und Partner, Verwaltungsrats- und Geschäftsleitungsmitglied der Planpartner AG, Dipl. Architekt ETH

Sie erwähnen die Umwelt. Aus Ihrem Aufgabenbereich nicht mehr wegzudenken?

Das ist so. Die ökologischen Themen sind vielfältig und fundamental. In den nächsten Jahren werden wir sehen, dass der Verdichtung ökologische Trittsteine gegenüberstehen. Wir sprechen von begrünten Fassaden, modulierten Strassen und Bahnhöfen mit zahlreichen Elektrobikes. Auch das ist ein Teil des neuen Lifestyles.

Welche weiteren Herausforderungen gilt es zu bewältigen? 

Heutzutage bewegen sich die Leute nicht mehr nur zur Arbeit, sondern auch für die Freizeit und die Versorgung. Deshalb legen wir in der Raumplanung ein grosses Augenmerk auf das Zusammenspiel von Siedlung, Freiraum und Verkehr. Diese drei Schwerpunkte müssen gut miteinander vernetzt werden. Aber auch hier braucht es viele Jahre bis aus einer verkehrsorientierten Strasse eine siedlungsorientierte wird. In der Region Zimmerberg wurde neulich das Tempo an der Seestrasse auf 50 reduziert, damit mehr Spielraum für Verkehrssicherheit und Gestaltung bleibt. Daran muss man sich etwas gewöhnen. Dafür ist es eine gute Übung, wenn man danach in die Kernstadt Zürich reinfährt, wo man nur noch 30 fahren darf (lacht).

Welche Gebiete am linken Zürichseeufer würden Sie als dynamisch und welche als stabil beschreiben? 

Wir vermuten, dass etwa ein Fünftel des Siedlungsgebietes dynamisch ist. Das sind Gebiete, in denen sich besonders viel verändern kann. Als Beispiele lassen sich Industrieanlagen nennen, die für neue Nutzungen geöffnet werden. Oder hervorragende Standorte am öffentlichen Verkehr. In unserer Region ist es aktuell  das Gebiet Adliswil Sood – ein Industrie- und Dienstleistungsquartier, das zum urbanen Mischquartier mit hoher baulicher Dichte transformiert werden soll. Dynamisch bedeutet auch, dass man neue Angebote schafft für erwünschte Branchen, die sich sonst nicht entwickeln können. Hierzu passend ist das Projekt eines strategischen Arbeitsplatzgebietes in Wädenswil Neubühl, wo ausschliesslich für produktives Gewerbe neue Bauzonen arrondiert werden, mit guter Autobahnanbindung und guten Busverbindungen. Solche neue Einzonungen sind eher unüblich, für das produktive Gewerbe aber sinnvoll, weil sie innerhalb des Ortszentrums wirtschaftlich einfach nicht überleben können.

Die Mehrheit der Fläche am linken Zürichseeufer mit seiner Siedlungsstruktur bezeichnen wir als stabil, weil die bestehenden Häuser auch in dreissig Jahren noch den Charakter prägen werden. Auch dort gibt es immer wieder kleine Veränderungen, die meistens bereits in den heutigen Zonenplänen zulässig sind (Anbau oder Abbruch/Neubau). Abhängig sind sie davon, wann jemand bauen und verdichten will. Sehr oft warten die Leute zu, so dass erst ein Generationenwechsel moderate Entwicklungen in Gang setzt.

Machen wir eine gedankliche Reise in die Zukunft: Wie stellen Sie sich den Lebensraum Zürich Park Side im Jahr 2035 vor?

Nun, für einen Raumplaner sind 15 Jahre ein relativ kurzer Zeitraum. Aber trotzdem stelle ich mir vor, dass etwas passiert. Zuerst möchte ich aber erwähnen, was gleichbleiben wird. Es gibt ein Motto für die Gebiete am Zürichsee: Hohe Fenster – tiefe Steuern (schmunzelt). Dieses Privileg wird bleiben. Auch der See, die Hirzellandschaft und der Naturpark Sihlwald werden sich kaum verändern.

Was sich aber wandeln wird, sind die bereits genannten ökologischen Trittsteine. Sie werden nicht nur der Natur dienen, sondern auch ästhetisch Gefallen finden. Weiter wird es zu sehr vielen Aufwertungen im Strassenraum kommen, weil die Bevölkerung mehr Gewicht darauf legt und ein ausgeglicheneres Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Verkehrsarten herrschen soll.

Die Region sieht im Jahr 2035 also auf den ersten Blick immer noch gleich aus wie heute – vermutlich nur noch etwas schöner, ökologischer und – und das ist mir als Raumplaner ein primäres Anliegen – mit mehr Leuten pro Hektare Bauzone. Zwischen 1990 und 2010 ging die Nutzungsdichte von Bewohnenden und Einwohnenden pro überbautes Bauland zurück, weil die Wohnungen grösser wurden. Seit 2010 steigt die Dichte wieder an, so wie wir das im Regionalen Raumordnungskonzept (Regio-ROK) angestrebt haben. Wir sind sehr stolz darauf, dass der Wert innerhalb von neun Jahren von 78 auf 82 Personen zugenommen hat.

Welche Prognose wagen Sie, wenn wir die Uhr noch etwas weiter vorwärts drehen?

Der nächste Zeithorizont wäre dann 2050. Signifikant wird der Übergang zur autonomen Mobilität sein. Die Zusammensetzung von Automobilen und Schienenverkehr wird eine andere sein als heute, weil eine Unterscheidung nicht mehr so ist. Niemand von uns weiss, ob tatsächlich einmal Autos ohne Passagiere herumfahren und ob mehr oder weniger Autokilometer zurückgelegt werden.

Wir entwickeln zwar Szenarien, wissen aber nicht, wie schnell und wie umfassend die Herausforderungen kommen. Wir wissen nur, dass sie kommen. Aber schauen wir doch einmal zurück… Wer hätte gedacht, dass es einmal Smartphones und ein Internet geben wird? Oder stellen Sie sich eine Corona-Pandemie vor 20 Jahren vor… Da wäre die Welt wohl etwas länger stillgestanden. Heute können wir die grosse Mehrzahl unserer Dienstleistungen glücklicherweise aus dem Homeoffice abwickeln. Es ist vielleicht etwas schwieriger, aber die Wirtschaft läuft weiter. Das Arbeiten mit der Unsicherheit ist eine zentrale Aufgabe der Raumplanung. Wir müssen stabile Rechtsverhältnisse für die kommenden Jahre schaffen und Entwicklungen frühzeitig erkennen.