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Was fliegt denn da?

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Seltene Reiherenten am Zürichsee, brütende Graureiher in kleinen Kolonien in den Bäumen der Uferbereiche, beheimatete Eisvögel und Wasseramseln an der Sihl. Im Wald Mäusebussarde, diverse Spechtarten, Buchfinken, Mönchsgrasmücken und im Siedlungsraum Amseln, Meisen sowie Rauch,- und Mehlschwalben – unsere Region bietet einiges an Vogel-Diversität.

«Der Hotspot der Vogelvielfalt liegt im Nuolenerriet in Lachen. Hier wurden bereits über 250 Vogelarten entdeckt.»

Nicolas Baiker
Umweltingenieur, Projektleiter Verein Naturnetz und Kursleiter bei BirdLife Zürich

Interview mit Nicolas Baiker, Umweltingenieur, Projektleiter Verein Naturnetz und Kursleiter bei BirdLife Zürich

Wer bist du? Was führte dich zur Vogelwelt?

Ich bin studierter Umweltingenieur und arbeite als Projektleiter beim Verein Naturnetz – einem Einsatzbetrieb für Zivildienstleistende. Unter fachkundiger Leitung leisten wir, gemeinsam mit den Zivildienstleistenden, Arbeiten zur Erhaltung und Aufwertung von ökologisch wertvollen Lebensräumen. Diese Massnahmen führen zu einer Verbesserung der Biodiversität, wovon auch zahlreiche Vogelarten profitieren.

Bereits als kleiner Junge bin ich, ausgerüstet mit Fernglas, den Vögeln nachgejagt. In der Tagesschau habe ich damals zufällig einen Bericht gesehen über die Winterfütterung der Greifvögel und Falken. Ihre imposante Grösse und Flugkünste haben mich beeindruckt, weshalb ich den grössten Teil meiner Freizeit in der Natur verbrachte. Meine Faszination weitete sich sehr schnell auf weitere Vogelarten aus. Ich finde es eindrücklich, wie es beispielsweise eine, bei uns einheimische, Rauchschwalbe schafft eine Strecke von rund 12 000 km zurückzulegen bis ins Winterquartier ins südliche Afrika und jedes Jahr (falls sie die strapaziöse Reise auch überlebt) wieder genau den gleichen Brutplatz in unserer Region besetzt.

Heute versuche ich mein Wissen über die Biologie, die Bestimmung der bei uns vorkommenden Arten und Schutzmassnahmen weiterzugeben. In diesem Zusammenhang leite ich Feldornithologie-Kurse für BirdLife Zürich.

Ist die Region Zürich Park Side ein besonderes Vogel-Gebiet?

Die Region Zürich Park Side ist Lebensraum für viele Vogelarten. Ein Magnet ist sicherlich der Zürichsee mit seinen wenigen noch vorhandenen natürlichen Uferbereichen mit Schilf, Flachmooren und Verlandungszonen sowie neugeschaffenen Kiesinseln.
Auch der Sihlwald und die Sihl bieten ideale Lebensbedingungen für verschiedene Brutvogelarten. Insbesondere der nicht mehr bewirtschaftete Naturwald Sihlwald bietet ideale Voraussetzungen. Zahlreiche Insekten finden geeignete Bedingungen im liegengelassenen Totholz. Für viele Vogelarten eine wichtige Nahrungsgrundlage. Das Gebiet mit den meisten nachgewiesenen Vogelarten ist aber sicherlich das Nuolenerriet in Lachen. Hier wurden bereits über 250 Vogelarten entdeckt. Jedoch brütet nur ein kleiner Bruchteil der Arten. Das Gebiet wird insbesondere von Brutvögeln aus dem hohen Norden und Osten als Rastplatz – auf ihrem Weg ins südliche Winterquartier – aufgesucht. Grund für die grosse Vielfalt an Zugvögel ist die günstige Lage am Nordrand der Voralpen, die für die Zugvögel als Leitlinie dienen und die vielfältigen Lebensräume (Ackerland, Schilf, Flachmoor, See etc.). Ein weiterer Hotspot ist der Seedamm (Hurden). Die künstlich angelegten Kiesinseln und Plattformen werden von Möwen & Seeschwalben als Brutplatz besiedelt und in den Wintermonaten lassen sich hier besonders viele Wintergäste (Enten, Lappentaucher und Möwen) aus dem hohen Norden beobachten.

Welche Vögel sind in unserer Region heimisch?

Am Zürichsee brüten unter anderem Wasservögel – Höckerschwan, Stockente, vereinzelt Reiherente und Tafelente, die seltene Eiderente sowie Lachmöwe und Flussseeschwalbe, im Uferbereich Graureiher in kleinen Kolonien in den Bäumen. Das Schilf ist das Reich des Teichrohrsängers und der Rohrammer. In den Flachmooren ist der seltene Kiebitz zu Hause. An der Sihl ist der Eisvogel und die Wasseramsel beheimatet. In den Wäldern brüten beispielsweise Mäusebussarde, diverse Spechtarten (u.a. auch der Schwarzspecht), Buchfinken, Mönchsgrasmücken und im Siedlungsraum sind Amseln, Meisen sowie Rauch- und Mehlschwalben vorzufinden. Auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen sind hingegen nur noch wenige Arten beheimatet: V.a. im Nuolenerriet brüten noch Feldlerchen, Kiebitze und in ganz kleinen Restbeständen die Grauammer.

Gibt es Vögel, welche nur in unserer Region zu finden sind?

Es brüten einige Arten, welche in der Schweiz nur noch an wenigen Standorten vorzufinden sind. Hingegen gibt es keine Arten, welche nur hier vorkommen.

Eiderente:
Beim Seedam brütet seit vielen Jahren die Eiderente. Es handelt sich um eine arktische Art, welche teils bei uns überwintert. Wie sich die Population am Seedamm bilden konnte, ist ungewiss. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es ursprünglich Gefangenschaftsflüchtlinge waren, welche hier eine Population gebildet haben. Eiderenten findet man ansonsten nur an ganz wenigen Orten in der Westschweiz als Brutvogel. Die Eiderenten beim Seedamm lassen sich das ganze Jahr über einfach beobachten.

Kiebitz:
Diese Watvogelart besiedelte ursprünglich Flachmoore. Im 19. Jahrhundert wurden viele Moorflächen entwässert und für die landwirtschaftliche Nutzung urbar gemacht. Heute besiedeln die Kiebitze deshalb auch vermehrt Ackerflächen. Die Nester werden am Boden angelegt und sind daher gefährdet wegen landwirtschaftlichen Maschinen und Prädatoren (insbesondere Fuchs). Im Nuolenerriet und im Frauenwinkel werden deshalb gezielt Kiebitz-Nester gesucht, markiert und mit Schafzäunen umstellt. Dieser Aufwand hat sich in den letzten Jahren bewährt, der Flüggeerfolg der Jungvögel konnte dadurch gesteigert werden. Die Population in den beiden oben genannten Gebieten zählt zu den grössten in der Schweiz. Dies hat unter anderem auch mit der guten Zusammenarbeit mit den Landwirten zu tun.

Flussseeschwalbe:
Die Flussseeschwalbe brütet auf den Plattformen am Seedamm. Ebenso gibt es eine Population in Horgen auf dem Bootsunterstand.

Lachmöwe:
Diese Art ist am See zwar die häufigste Möwenart und einfach zu sehen. Die meisten Individuen brüten aber nicht in der Schweiz, sondern weiter im Norden und Nord/Osten. Es gibt nur wenige grössere Brutkolonien in unserem Land. Beim Seedam brüten alljährlich Lachmöwen auf den Kiesinseln.

Grauammer:
Diese Ammer-Art kommt typischerweise im extensiven Kulturland vor. In der Schweiz gibt es nur noch wenige Brutstandorte, welche sich grösstenteils auf die Region Genf und das Berner Seeland beschränken. Bis vor wenigen Jahren gab es auch noch einzelne Brutpaare am Flughafen Zürich. Im Nuolenerriet (Lachen) ist sie immer noch als Brutvogel vorzufinden, jedoch in sehr kleinen Beständen.

Eiderente

Eiderente

Kiebitz

Kiebitz

Flussschwalbe

Flussschwalbe

Lachmöwe

Lachmöwe

Grauammer

Grauammer

Welche Vögel gehören zu den artenreichsten hier?

Die häufigsten dürften wohl Haussperling, Amsel und Buchfink sein.

Haussperling:
Brütet fast ausschliesslich in menschlichen Siedlungen. Oft unter Dachziegeln und Gebäudenischen. Die neuen Häuser bieten oft keine Nischen mehr für den Haussperling. Dies ist ein Grund, dass sein Bestand langsam abnimmt.
Er ist robust mit breitem Körper, recht grossem Kopf und kräftigem Schnabel. Das Männchen besitzt einen grauen Scheitel, graue Unterseite und einen bräunlichen Mantel.

Amsel:
Ist ein Brutvogel des Waldes und Siedlungsraums. Die Amsel brütet auf Bäumen, im Gebüsch und zum Teil auch auf Balkonen in Blumenkisten.
Das Männchen ist ganz schwarz und hat einen gelben Schnabel. Das Weibchen ist etwas schlichter gefärbt.

Buchfink:
Ist in Wäldern, Parks und Garten beheimatet. Brütet v.a. in Astgabeln auf Bäumen.
Grösse wie Haussperling, aber schlanker und langschwänziger: leicht zu erkennen an zwei breiten weissen Flügelbinden (obere viel breiter). Das Männchen mit roter Färbung auf der Unterseite und grauem Kopf. Weibchen etwas schlichter gefärbt.

Haussperling

Haussperling

Amsel

Amsel

Buchfink

Buchfink

Gibt es bei uns bedrohte Vogelarten?

Ja, einige Arten sind tatsächlich bedroht oder bereits ausgestorben, wie zum Beispiel die Grossen Brachvögel, Bekassinen und Raubwürger. In den Alpenraum ausgewichen sind Wiesenpieper, Baumpieper und Braunkehlchen.

Damit nicht weitere Arten der Region verschwinden, stehen wir in der Pflicht, die letzten übrig gebliebenen natürlichen Uferbereiche und Verlandungszonen zu schützen. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, dass wir uns an die Verhaltensregeln in den Schutzgebieten (auf Wasser & Land) halten.

Brachvogel

Brachvogel

Eisvogel

Eisvogel